Beschaffungsrisiken 2026 gehören jetzt auf den Schirm der Einkaufsleiter

Alex Hug

Alex Hug

13. August 2026

Beschaffungsrisiken 2026 gehören jetzt auf den Schirm der Einkaufsleiter
Ich spreche regelmäßig mit Einkaufsleitern, die wissen, dass Risiken existieren, aber keinen strukturierten Überblick darüber haben, wo ihre größten Abhängigkeiten liegen.

Das war vor drei Jahren noch ein theoretisches Problem. Seit den Lieferkettenstörungen durch die Pandemie, den geopolitischen Verschiebungen, und dem Anstieg regulatorischer Anforderungen ist es ein operatives.

Wer seine Beschaffungsrisiken nicht kennt, kann sie nicht steuern. Wer sie nicht steuert, wird von ihnen überrascht. Und Überraschungen im Einkauf sind teuer.

Warum 2026 ein besonderes Jahr für Beschaffungsrisiken ist


Mehrere Entwicklungen überlagern sich gerade auf eine Art, die den Einkauf strukturell unter Druck setzt.

Geopolitische Instabilität ist der erste Treiber. Handelskonflikte, Sanktionen und regionale Spannungen in Nahost, Asien und Osteuropa beeinflussen Lieferketten in einer Weise, die vor fünf Jahren kaum absehbar war. Rohstoffmärkte, die jahrzehntelang stabil waren, schwanken. Transportrouten werden umgeleitet. Lieferzeiten verlängern sich ohne Vorwarnung.

Rohstoff- und Energiepreisvolatilität kommt hinzu. Wer rohstoffintensive Warengruppen einkauft, Metalle, Kunststoffe, Papier, Energie, weiß, dass die Planungssicherheit der vergangenen Jahre nicht mehr existiert. Das macht Budgetplanung schwieriger und erhöht das Argument für Rahmenverträge mit Preisgleitklauseln.

Regulatorische Verdichtung ist der dritte Punkt. CSDDD, LkSG, CBAM, die Anforderungen an die Lieferantentransparenz wachsen. Das ist nicht nur ein Compliance-Thema, es ist ein operatives Risiko. Lieferanten, die diese Anforderungen nicht erfüllen können oder wollen, sind perspektivisch keine Option mehr.

Lieferantenkonzentration rundet das Bild ab. Viele Mittelständler haben ihre Lieferantenbasis in den letzten Jahren aus Effizienzgründen konsolidiert. Das hat Kosten gespart, aber Abhängigkeiten geschaffen, die jetzt sichtbar werden.

Die vier wichtigsten Risikotypen im Einkauf


Nicht alle Risiken sind gleich. Eine sinnvolle Risikostruktur für den Mittelstand gliedert sich in vier Kategorien.

Versorgungsrisiko ist die erste Kategorie. Die Kernfrage lautet, was passiert, wenn ein kritischer Lieferant nicht mehr liefert. Ursachen sind Insolvenz des Lieferanten, Naturkatastrophe, geopolitische Störung, Transportproblem. Das Versorgungsrisiko ist das direkteste, und das, das den eigenen Betrieb am schnellsten stoppt. Die passende Maßnahme ist, für alle kritischen Warengruppen, bei denen ein Lieferstopp die eigene Produktion oder Kernleistung gefährden würde, mindestens einen qualifizierten Alternativlieferanten zu identifizieren. Das kostet Zeit, ist aber nicht optional.

Preisrisiko ist die zweite Kategorie. Die Kernfrage lautet, welche Kostenpositionen sich in den nächsten 12 Monaten erheblich verteuern könnten. Ursachen sind Rohstoffmärkte, Energiepreise, Transportkosten, Währungsentwicklung bei internationalen Lieferanten. Die passende Maßnahme ist, Preisgleitklauseln in Rahmenverträgen zu etablieren, die die Entwicklung an einen Index koppeln, statt nur feste Jahrespreise zu vereinbaren. Außerdem sollten für volatilitätsgefährdete Warengruppen Preisszenarien ins Budget eingerechnet werden.

Qualitäts- und Compliance-Risiko ist die dritte Kategorie. Die Kernfrage lautet, ob unsere Lieferanten die Anforderungen erfüllen, die wir an sie stellen, und die der Gesetzgeber an uns stellt. Ursachen sind Qualitätsprobleme in der Lieferantenkette, fehlende Zertifizierungen, Nicht-Erfüllung von LkSG- oder CSDDD-Anforderungen. Die passende Maßnahme sind regelmäßige Lieferantenbewertungen, dokumentierte Sorgfaltspflicht-Prozesse für relevante Lieferanten, aktive Kommunikation zu Nachhaltigkeitsanforderungen.

Abhängigkeitsrisiko ist die vierte Kategorie. Die Kernfrage lautet, wo wir single-sourced sind, also vollständig abhängig von einem einzigen Lieferanten. Ursachen sind Lieferantenkonsolidierung, Skalierung, fehlende Marktkenntnis, persönliche Beziehungen, die den Wechsel verhindern. Die passende Maßnahme ist, Single-Source-Situationen zu identifizieren und bewusst zu akzeptieren oder aktiv zu adressieren. Nicht jede Single-Source-Situation muss aufgelöst werden, aber sie muss bekannt sein.

Pragmatisches Risiko-Assessment ohne großes System


Ein vollständiges Supply-Chain-Risk-Management wie im Konzern ist für den Mittelstand nicht sinnvoll. Aber ein pragmatisches Risiko-Assessment ist es, und es braucht kein neues System.

Schritt 1 ist, kritische Warengruppen zu identifizieren. Welche Einkaufskategorien sind für das eigene Kerngeschäft unverzichtbar? Das sind die Kategorien, bei denen ein Lieferstopp sofortigen Schaden verursacht.

Schritt 2 ist, für jede kritische Warengruppe drei Fragen zu beantworten. Wie viele qualifizierte Lieferanten gibt es? Gibt es Preisvolatilität? Gibt es Compliance-Anforderungen, die nicht sicher erfüllt sind?

Schritt 3 ist, eine Risikostufe zu vergeben. Grün bedeutet stabil, Alternativen vorhanden, Compliance gesichert. Gelb bedeutet Beobachtung, Handlungsbedarf in drei bis sechs Monaten. Rot bedeutet unmittelbarer Handlungsbedarf.

Schritt 4 ist, Maßnahmen abzuleiten. Für Rot heißt das, Alternativlieferanten qualifizieren, Vertragsanpassungen prüfen, Geschäftsleitung informieren. Für Gelb heißt das, halbjährliches Review, klare Eskalationspfade.

Das kann ein einzelner Einkaufsleiter in einem Tag durchführen. Das Ergebnis ist ein klares Bild der eigenen Risikolage, ohne externe Berater oder neues System.

Was Digitalisierung beim Risiko-Management leistet


Risiko-Management ist letztlich Datenverfügbarkeit. Wer seine Ausschreibungshistorie, Lieferantenbewertungen und Vertragsdaten digital vorhält, hat eine deutlich bessere Ausgangslage als wer sie im E-Mail-Archiv sucht.

Konkret bedeutet das Folgendes. Wenn ein Lieferant ausfällt und der Einkauf in einer digitalen Plattform nachschauen kann, welche Alternativlieferanten bei vergangenen Ausschreibungen angeboten haben, und zu welchen Preisen, dann ist die Reaktionszeit deutlich kürzer.

cusoso Target speichert Ausschreibungs- und Lieferantendaten strukturiert und macht sie suchbar. Kein vollständiges Risk-Management-Tool, aber eine Datenbasis, die im Ernstfall entscheidend ist.

Häufige Fragen


Wir kaufen hauptsächlich lokal ein, sind wir trotzdem betroffen? Ja. Lokale Lieferanten sind von globalen Entwicklungen beeinflusst, über Rohstoffpreise, Energie, Regulierung. Außerdem können auch lokale Lieferanten ausfallen. Versorgungsrisiko existiert unabhängig von der Geographie.

Wie soll der Einkauf Geopolitik einschätzen? Das ist doch Aufgabe des Managements. Der Einkauf braucht keine geopolitische Expertise. Er braucht einen Mechanismus, der ihn frühzeitig informiert, wenn kritische Lieferanten in betroffenen Regionen sitzen. Das ist eine Überwachungsaufgabe, keine Analyseaufgabe.

LkSG gilt doch nur für größere Unternehmen, ist das für uns relevant? Formal gilt das LkSG aktuell ab 1.000 Mitarbeitenden. Aber wer an Kunden mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden liefert, wird zunehmend von diesen Kunden nach Sorgfaltspflichten gefragt. Das Thema kommt über die Lieferkette, nicht nur über das Gesetz.

Was ist das Minimum, das wir jetzt tun sollten? Kritische Warengruppen identifizieren. Für jede davon prüfen, ob es einen Alternativlieferanten gibt. Die Antwort „nein" ist kein Problem, aber sie muss bekannt sein und dokumentiert.

Der nächste Schritt


Beschaffungsrisiken lassen sich in einem Tag grob kartieren, ohne neues System, ohne Berater. Der erste Schritt ist die Liste der kritischen Warengruppen.

cusoso Target macht Ausschreibungs- und Lieferantendaten durchsuchbar, damit im Ernstfall keine Zeit mit der Suche im E-Mail-Archiv verloren geht. Ob das zu Ihrer Einkaufsorganisation passt, zeigt der Quick-Check in 3 Minuten.

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