Maverick Buying entschärfen: Warum die digitale Bedarfsmeldung der unterschätzte Hebel ist

Alex Hug

Alex Hug

19. May 2026

Maverick Buying entschärfen: Warum die digitale Bedarfsmeldung der unterschätzte Hebel ist
Im deutschen Mittelstand läuft durchschnittlich 20 bis 40 Prozent des Beschaffungsvolumens am Einkauf vorbei. Wenn eine Fachabteilung einen Bedarf hat, nutzt sie nicht den offiziellen Beschaffungsprozess, sondern bestellt direkt beim Lieferanten — mit einem Telefonanruf, einer E-Mail, über eine persönliche Beziehung. Das nennt sich Maverick Buying und ist eines der hartnäckigsten Probleme im modernen Einkauf.

Die gute Nachricht: Es ist kein Disziplin- und kein Kopfproblem. Es ist ein Systemproblem. Und Systemprobleme haben Systemlösungen.


Warum Maverick Buying entsteht

Maverick Buying ist nicht böse Absicht. Es ist eine rationale Reaktion auf einen zu aufwändigen offiziellen Prozess.

In der Realität sieht das so aus: Die Fachabteilung braucht etwas. Sie öffnet das ERP-System und wird mit zehn Formularen, Genehmigungskaskaden und langen Wartefristen konfrontiert. Oder noch schwieriger: Der Einkauf ist zwar erreichbar, antwortet aber erst in zwei Tagen — und die Bestellung wird morgen schon benötigt. Die Reaktion ist vorhersehbar: Direktanruf beim bevorzugten Lieferanten, und schon ist das System wieder umgangen.

Das ist völlig rational aus Perspektive des Nutzers. Für die Einkaufsabteilung aber ist es ein Blindfleck: Sie sieht nicht, was bestellt wird, kann Bedarfe nicht bündeln, hat keine Verhandlungsmacht und kann am Jahresende nicht nachweisen, welche Einsparungen sie erreicht hat.


Was Maverick Buying kostet

Die Zahlen sind eindeutig: Unternehmen mit schlechter Visibilität in ihren Bedarfsprozessen verlieren durchschnittlich 15 bis 20 Prozent ihres Einkaufsvolumens an unkontrollierte Käufe. In einem Mittelstandsunternehmen mit 20 Millionen Euro Einkaufsvolumen bedeutet das 3 bis 4 Millionen Euro ohne Einkaufsunterstützung.

Daneben gibt es noch weitere Effekte: Lieferanten, die nicht im Contract registriert sind. Zu viele unterschiedliche Lieferanten für ähnliche Produkte — mit entsprechenden Mengenrabatten-Verlusten. Fehlendes Wissen über Risiken in der Lieferkette. Und prozessual: Jede Bestellung außerhalb des Systems ist eine potenzielle Compliance-Lücke.


Der bessere Weg: Bedarfsmeldung, nicht Kontrolle

Die Standardantwort der IT ist immer: "Wir müssen die Nutzer zwingen, das System zu nutzen." Das funktioniert nicht. Zwang schafft nur Umwege.

Der bessere Weg ist der umgekehrte Ansatz: Mach den digitalen Weg so einfach, dass die Nutzer ihn von selbst nutzen wollen. Das ist das Prinzip der strukturierten Bedarfsmeldung.

Eine Bedarfsmeldung soll sein:

Schneller als der direkte Weg zum Lieferanten. Das ist die Kernanforderung. Wenn ein Mitarbeiter sich fragt "Soll ich schnell beim Lieferanten anrufen oder das System nutzen?", muss die Antwort eindeutig zugunsten des Systems ausfallen. Das heißt: 3 bis 5 Klicks, Ausfüllzeit unter einer Minute, sofortige Bestätigung.

Asynchron, nicht synchron. Der Mitarbeiter meldet seinen Bedarf an. Er muss nicht warten auf eine Freigabe, bevor er sein Formular absenden kann. Die Einkaufsabteilung kümmert sich darum — zeitversetzt.

In die Sprache des Nutzers übersetzt. Der Einkauf denkt in Warenkategorien, SKUs, Lieferanten. Der Nutzer denkt in "Ich brauche Büromaterial", "Wir haben zu wenig Verpackungsmaterial", "Der Drucker braucht neue Toner". Die Bedarfsmeldung sollte in der Sprache des Nutzers anfangen — und dann maschinell in die Sprache des Einkaufs übersetzt werden.


Strukturierte Bedarfsmeldung in der Praxis

Wie sieht das konkret aus?

Ein Mitarbeiter in der Produktion merkt, dass ein Material zur Neige geht. Er öffnet die Bedarfsmeldungs-App (oder einen Link auf dem Intranet). Die App fragt:

- Was brauchst du? (Freitexteingabe oder Kategorieauswahl)
- Wie viel?
- Wann?
- Kostenplatz / Projekt?

Das war's. 40 Sekunden.

Im Hintergrund passiert jetzt:

- Das System erkennt: "Material X" → ordnet das der passenden SKU zu
- Schaut in die Lieferantenhistorie: Wen haben wir zuletzt bestellt?
- Prüft Verfügbarkeit: Haben wir noch Stock?
- Signalisiert: Freigegeben oder "Einkauf kümmert sich, Sie hören von uns"

Das Ergebnis: Der Nutzer braucht nie direkt beim Lieferanten anzurufen. Seine Bestellung ist im System. Der Einkauf sieht alles. Und kann intelligent agieren — bündeln, Rahmen aushandeln, Mengenrabatte verhandeln.


Die KPIs, die wirklich zählen

Wenn eine Einkaufsabteilung Bedarfsmeldungen einführt, sollte sie folgende Metriken tracken:

Anteil strukturierter Bedarfe an Gesamtvolumen. Das Ziel: mindestens 70 bis 80 Prozent des Einkaufsvolumens sollte über strukturierte Prozesse laufen. Alles darunter ist Optimierungspotenzial.

Durchschnittliche Bestellmenge nach Einführung. Wenn Bedarfe gebündelt werden, steigen die Durchschnittsmengen. Das erzeugt direkt Rabatt-Opportunitäten.

Zeit vom Bedarf bis zur Bestellung. Wenn die Bedarfsmeldung schneller ist als der direkte Lieferantenweg, ist der Anreiz geschaffen. Das sollte gemessen werden.

Kontraktabdeckung. Welcher Anteil der Bestellungen läuft über kontrahierte Lieferanten? Mit strukturierten Bedarfen sollte diese Quote steigen.


Zwei konkrete Szenarien

Szenario 1: Mittelständler mit dezentralen Standorten

Ein Maschinenbauer mit vier Produktionsstandorten hat ein großes Maverick-Problem. Jeder Standort kauft seine Ersatzteile unabhängig. Unterschiedliche Lieferanten, unterschiedliche Preise.

Mit einer einfachen Bedarfsmeldung: Der Einkauf aggregiert Bedarfe. "Wir haben insgesamt Bedarf für 500 Einheiten Bauteil X in diesem Quartal" — nicht vier Einzelbestellungen à 125 Stück. Der Einkauf kann jetzt eine echte Ausschreibung starten. Das Ergebnis: 12 bis 15 Prozent Kostenreduktion durch Aggregation.

Szenario 2: Großunternehmen mit Compliance-Anforderung

Ein Unternehmen mit hohen Compliance-Anforderungen (Pharma, Automotive) hat das Problem, dass große Teile des Einkaufsprozesses außerhalb von kontrollierten Systemen laufen. Maverick Buying = Risiko.

Mit strukturierter Bedarfsmeldung: Alle Bestellungen sind tracebar. Der Audit Trail ist vollständig. Jede Bestellung kann einer Person, einem Projekt, einem Kostenplatz zugeordnet werden. Das ist nicht nur Kostenkontrolle — das ist Risikokontrolle.


cusoso Bedarfsmeldung: Einfach, strukturiert, sichtbar

Die Bedarfsmeldungs-App in cusoso Target ist genau auf diese Logik ausgelegt: Nutzern Einfachheit geben, dem Einkauf Transparenz geben.

Mitarbeiter melden Bedarf an — ohne einkaufsrelevantes Wissen zu haben. Sie sagen, was sie brauchen. Das System ordnet das KI-gestützt kategorieweise und lieferantenweise ein. Der Einkauf bekommt einen aggregierten Überblick — und kann intelligent handeln.

Das Ergebnis: Weniger Maverick Buying. Mehr Verhandlungsmacht. Deutlich bessere Transparenz über das echte Beschaffungsvolumen.


Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Maverick Buying und autorisierten Direktkäufen?

Maverick Buying ist unkontrolliert — Käufe, die der Einkauf nicht sieht. Autorisierte Direktkäufe (z.B. für KMU oder sehr kleine Volumina) sind Teil des Kontrollsystems: Der Einkauf kennt sie, hat sie genehmigt, kann sie auswerten. Maverick ist das Problem. Strukturierte Direktkäufe sind eine Lösung.

Wie hoch ist das typische Maverick-Buying-Volumen im Mittelstand?

Studien zeigen durchschnittlich 20 bis 40 Prozent bei Unternehmen ohne strukturierten Beschaffungsprozess. Mit digitaler Bedarfsmeldung kann dieser Anteil auf unter 15 Prozent reduziert werden.

Wie lange dauert die Einführung?

Echte digitale Bedarfsmeldung ist kein 12-Monats-Projekt. Mit einer modernen Cloud-Lösung wie cusoso ist ein Pilot sofort einsatzbereit und in kürzester Zeit an ihr ERP-System angeschlossen.

Was ist, wenn unser ERP-System keine Integration erlaubt?

Das ist häufig weniger ein technisches als ein organisatorisches Problem. Moderne Lösungen wie cusoso APIs arbeiten über Schnittstellen — auch wenn das ERP alt ist. Wichtig ist der Wille, den Prozess zu strukturieren.

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