Fachkräftemangel im Einkauf — wie Automatisierung den strategischen Einkauf schützt

Alex Hug

Alex Hug

09. June 2026

Fachkräftemangel im Einkauf — wie Automatisierung den strategischen Einkauf schützt
Ich spreche regelmäßig mit Einkaufsleitern, die ein echtes Dilemma beschreiben:

Das Team ist zu klein für die Aufgaben. Neue Stellen sind seit Monaten ausgeschrieben und bleiben unbesetzt. Und die strategischen Themen — Auktionen, Lieferantenentwicklung, Spend-Analyse — landen immer wieder hinten an.

36 bis 40 % der Mittelständler berichten 2026 von offenen Stellen, die sie nicht besetzen können. Im Einkauf trifft das besonders hart, weil es eine Disziplin ist, die auf strukturiertes Arbeiten angewiesen ist.

Was dann passiert, ist vorhersehbar: Das Team macht das Wichtigste. Das Dringende. Alles andere bleibt liegen.

Das ist kein Führungs- oder Motivationsproblem. Das ist ein Kapazitätsproblem.

Automatisierung löst das nicht vollständig — aber sie verschiebt die Grenze. Wenn wiederkehrende Aufgaben (Bedarfserfassung, Angebotsvergleich, Reporting) weniger Zeit brauchen, bleibt mehr Raum für das, was wirklich strategisch ist.


Das Kapazitäts-Dilemma

Die typische Einkaufsabteilung mit 5-6 Leuten verbringt ihre Zeit so:

- 30-40 % bei Bedarfserfassung und -verwaltung
- 20-30 % bei manueller Angebotsbearbeitung und -vergleich
- 15-20 % beim Reporting und der Dokumentation
- 10-15 % bei strategischen Aufgaben (Lieferantenentwicklung, Marktevaluierung)

Das ist ein idealisiertes Szenario. In der Realität sieht es oft so aus:

- 50-60 % Bedarfserfassung (weil das System unklar ist, Nachfragen kommen ständig)
- 25-35 % Angebotsverarbeitung (manuell, keine Automatisierung)
- 10-15 % Reporting (am liebsten einfach nicht, weil es so aufwändig ist)
- 5 % strategische Arbeit

Das Ergebnis: Die strategischen Themen werden chronisch unterversorgt. Und wenn die Geschäftsführung fragt „Warum haben wir noch keine Lieferantenalternativen für Risikokategorie X?", lautet die ehrliche Antwort oft: „Wir hatten einfach keine Zeit dafür."



Die drei Automatisierungs-Hebel

Automatisierung ist nicht "den Einkauf ersetzen". Automatisierung ist "repetitive Arbeit aus dem Weg räumen, damit der Einkauf seine echte Arbeit machen kann".

Hebel 1: Bedarfserfassung und -verwaltung

Das klassische Problem: Bedarfe kommen unstrukturiert rein. Per E-Mail, Telefon, Persönliches Gespräch. Ein Excel-Zettel vom Shopfloor, eine Slack-Nachricht von der IT.

Mit strukturierter, digitaler Bedarfsmeldung: Alle Bedarfe laufen über ein System. Der Einkauf sieht sofort, was ansteht, kann priorisieren, kann Duplikate erkennen.

Die Frage ist nicht "Wie kriege ich einen neuen Mitarbeiter?" sondern "Wie mache ich den Prozess so schlank, dass eine Person das in zwei Stunden pro Woche managen kann?"

Zeiteinsparung pro Mitarbeiter: 4-6 Stunden/Woche.

Hebel 2: Angebotsvergleich

Das ist reine manuelle Arbeit, wenn es nicht automatisiert ist. RFQ raus, Angebote kommen in verschiedenen Formaten rein (PDF, Excel, E-Mail-Text, Papier). Dann manuell zusammentragen, vergleichen, Tabellen bauen.

Mit strukturiertem Angebotsvergleich: Der Agent nimmt die Eingaben (aus RFQ-Plattform, aus Lieferanten-Portalen, aus eingescannten Dokumenten), normalisiert sie, vergleicht automatisch, baut Vergleichstabellen.

Der Einkäufer liest eine vorgefertigte Analyse, nicht rohe Daten.

Zeiteinsparung pro Auktion: 8-16 Stunden. Zeitsparnis pro Mitarbeiter (bei 20-30 Auktionen pro Jahr): 10-15 Tage.

Hebel 3: Reporting und Dokumentation

Das ist das Dilemma: Der Geschäftsführer will wissen, wie viel der Einkauf gespart hat, welche Lieferanten kritisch sind, wo Risiken entstehen. Aber die Daten liegen verteilt: im ERP-System, in Excel-Tabellen, in E-Mail-Anhängen.

Mit automatisiertem Reporting: Die Plattform trackt alle Daten, generiert Reports automatisch. Savings nach Warengruppe, Lieferantentrends, Compliance-Status — alles aktuell, ohne dass jemand es zusammensuchen muss.

Zeiteinsparung pro Monat: 2-4 Tage.



Was dadurch freiwird

Wenn Sie diese drei Dinge von Hand nimmt und automatisiert werden, sparen Sie in einer 5-Personen-Einkaufsabteilung durchschnittlich 15-20 Tage pro Monat Arbeitszeit. Das ist fast schon eine Vollzeitstelle.

Nun haben Sie zwei Optionen:

Option A: Die Person nicht neu besetzen.
Das Einkaufsteam bleibt gleich groß, aber die Kapazität für strategische Arbeit steigt deutlich. Sie können jetzt 20 % der Zeit in Lieferantenentwicklung investieren statt 5 %. Das summiert sich.

Option B: Die Person einstellen — aber nicht für manuelle Arbeit.
Sie stellen einen Einkäufer ein, der sich um das kümmert, was vorher unmöglich war: Lieferantenentwicklung, Marktanalyse, Risikomanagement, strategische Negotiations-Vorbereitung. Das ist ein Mehrwert, nicht ein Ausgleich für Fluktuation.



Realistische Erwartungen

Das ist nicht "in 3 Monaten ist alles automatisiert und die Probleme sind weg". Das ist ein struktureller Umbau. Aber die Voraussetzungen sind oft günstiger, als man denkt.

Beispiel: Ein mittelständisches Maschinenbau-Unternehmen mit Kapazitätsproblemen. Einkaufsabteilung 4 Personen, 50 Ausschreibungen pro Jahr, 150 Mio. Einkaufsvolumen.

Monat 1-2: Digitale Bedarfsmeldung einführen.
- Alles Bedarfe laufen über ein System
- Zeiteinsparung: 3-5 Stunden/Woche für die ganze Abteilung

Monat 3-4: Angebotsvergleich strukturieren.
- Alle RFQs laufen über eine Plattform
- Angebote werden normalisiert und verglichen
- Zeiteinsparung: 10-15 Tage pro Monat für den Abteilungsleiter

Monat 5-6: Automatisiertes Reporting.
- Monatliche Saving-Reports, Lieferantenbewertung, Compliance-Übersicht
- Zeiteinsparung: 2-3 Tage pro Monat für Reporting-Koordination

Summe nach 6 Monaten: Effektiv ~1 FTE Kapazitätsfreiheit. Das ist nicht magisch — das ist konkrete Reorganisation. Und das ist der Punkt, wo strategische Projekte wieder angepackt werden.



Wer profitiert am meisten?

Die Antwort ist klar: Kleine und mittlere Einkaufsabteilungen, die unter Druck sind.

- Unternehmen mit 20-200 Mio. Einkaufsvolumen
- Teams mit 3-10 Personen
- Industrie: Maschinenbau, Metall, Elektronik, Logistik
- Problem: chronischer Kapazitätsmangel bei vielen Aufgaben

Für diese Unternehmen ist Automatisierung nicht ein "Nice to have". Es ist die Antwort auf ein Überlebensproblem.



Was nicht funktioniert

Achtung vor diesen Fehler-Gedanken:

Fehler 1: "Automatisierung bedeutet weniger Einkäufer brauchen"

Das ist kurzsichtig. Wenn Automatisierung funktioniert, sollte das Ergebnis sein: bessere Entscheidungen, schnellere Reaktionen, strategische Übersicht. Dafür braucht es meistens nicht weniger Leute, sondern bessere Leute (und besser genutzte Leute).

Fehler 2: "Automatisierung macht Einkäufer-Know-how überflüssig"

Das Gegenteil ist wahr. Automatisierung befreit Einkäufer von Datenarbeit — gibt ihnen mehr Zeit für Urteilskraft, Verhandlung, Strategie. Das ist höher qualifizierte Arbeit, nicht weniger.

Fehler 3: "Automatisierung ist ein IT-Projekt"

Es ist ein Organisations-Projekt mit IT-Komponenten. Wenn der Einkauf nicht wirklich dabei ist, wenn die Prozesse nicht mitgedacht werden, scheitert es. Die Technik ist nicht das Problem.



Häufige Fragen

Wie viel kostet die Umstellung?

Hängt von der Komplexität ab. Eine Bedarfsmeldungs-App startet bei ~3.000-5.000 Euro/Monat für ein kleines Team. Ein kompletter Angebotsvergleichs-Prozess 5.000-8.000 Euro/Monat. Aber die Einsparungen (1 FTE ~ 60-80 k Euro/Jahr) rechnen sich in 3-4 Monaten.

Wie lange dauert die Implementierung?

Richtig gemacht: 2-3 Monate Pilotphase, dann Rollout. Das ist nicht schneller als vor 10 Jahren, aber es ist nicht länger. Die meisten Projekte sagen: "Wir hätten das schon drei Jahre früher tun sollen."

Was, wenn unsere Lieferanten digital nicht mitkommen?

Das ist ein berechtigtes Problem in manchen Branchen. Aber: Die meisten Lieferanten können eine strukturierte RFQ-Plattform oder ein Portal nutzen — auch wenn es nicht ihre native Schnittstelle ist. Es ist ein Adoptionsprozess, kein blockendes Problem.

Wer sollte das erste Projekt sein?

Faustregel: Die Warengruppe mit dem höchsten Volumen und den meisten Iterationen (also das, das jetzt die meiste Zeit kostet). Das sind nicht die strategischsten Themen, aber sie zeigen den schnellsten ROI.

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